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Wo sich alles kreuzt

Deggendorf und Umgebung halten immer schon enge Verbindungen

Das bis dato einzige Autobahnkreuz Niederbayerns, zwei Brücken über die Donau und die Isarmündung (am oberen rechten Bildrand): Kreuzungen und Verbindungen prägen Deggendorf. − Foto: Roland Binder/Archiv

Das bis dato einzige Autobahnkreuz Niederbayerns, zwei Brücken über die Donau und die Isarmündung (am oberen rechten Bildrand): Kreuzungen und Verbindungen prägen Deggendorf. − Foto: Roland Binder/Archiv

04.07.2022

Deggendorf. Die Donau war immer schon gleichzeitig trennendes und verbindendes Element. In Deggendorf kreuzen sich seit Urzeiten viele Wege: „Ein Kreuz ist es mit Deggendorf nicht“, sagt dazu Dr. Florian Schneider, Leiter des Stadtarchivs, um schmunzelnd zu ergänzen: „sondern gleich mehrere“. „Das einzige Autobahnkreuz Niederbayerns bei Fischerdorf ist seit 1979 die jüngste Komponente eines über Jahrhunderte gewachsenen Drehkreuzes für Verkehr und menschlichen Austausch durch das geografische Herz Niederbayerns“.Von Süden her fließt bei Deggendorf die Isar in die Donau. „Die Hafenanlagen bei Deggenau bezeugen die Bedeutung dieser Wasserstraßenkreuzung“, erklärt der promovierte Historiker. Ort größerer Truppenstationierungen war das Isardelta für die Römer jedoch nicht. Jenseits des nassen Limes erwuchs dem römischen Imperium vom Bayerischen Wald her schlicht weit weniger Gefahr als nördlich des Donauknies, sodass die Isarmündung keiner ganzen Legion zur Abschreckung bedurfte.


Während typisch antik-römische Städte wie Regensburg, Straubing oder Passau südlich der Donau Schutz fanden, „konnte sich Deggendorf als mittelalterliche Neugründung an das Nordufer wagen“, beschreibt er. Damit nahm „wie ein Brückenkopf die spätere Große Kreisstadt bereits damals ihre Rolle vorweg: Gegensätze verbinden, Neues wagen und Heimat bieten“.

In Plattling, mit dem Deggendorf seit inzwischen fast 20 Jahren ein „gemeinsames Oberzentrum“ bildet, kreuzen sich seit dem 19. Jahrhundert die Eisenbahnlinien, die Passau, den Bayerischen Wald, Deggendorf, Straubing, Landshut und Regensburg zuverlässig miteinander verbinden. Der Deggendorfer Bahnhof liegt in Schaching und damit ebenfalls auf dem Gebiet einer Altgemeinde, die bereits seit 1935 ein Teil Deggendorfs ist. Auch für Wanderer oder Pilger, Mountain- und E-Biker kreuzen sich bei Deggendorf die Wege, darunter der im 11. Jahrhundert erstmals genannte, aber sicher viel ältere, Baier- oder Böhmweg, der mit Greising eine weitere Altgemeinde streift.

Die Ursprünge des „präurbanen“ Deggendorf, also die dörfliche Phase vor der Stadtwerdung, bleiben auch für den Stadtarchivar weiterhin im Dunkeln. Ortsnamenforschung und Archäologie datieren „-dorf“-Orte in eine frühe Ausbauphase der bayerischen Siedlungsgeschichte, nur einige Jahrzehnte vor der Erstnennung Deggendorfs 1002. Wohl bereits während der Landnahme im 8. und 9. Jahrhundert entstanden die „-ing“-Orte wie Schaching, Greising, Mietraching, Simmling. Südlich der Donau liegt über zweitausend Jahre altes Kulturland. Hier zeigt der Fluss wieder sein trennendes Element, das mit den seit 1280 belegten Brücken erst überwunden werden musste.

„Panduren, eisig kalte Winter und Hochwasser nahmen zu keiner Zeit Rücksicht auf wechselnde Verwaltungsgrenzen“, stellt der Stadtarchivar fest. Ob nun Fischerdorfer mit ihren Booten auch Städter 1816 vom letzten stehenden Brückenstück in der Donau retteten oder alle Deggendorfer Stadtteilfeuerwehren sich gemeinsam dem Hochwasser von 2013 entgegenstellen: Die Menschen hielten immer zusammen. Die Stadt bot zentrale Funktionen wie Markt und Brückenunterhalt, die Dörfer ihre landwirtschaftlichen Produkte und die nötigen Flächen, um das Wachstum der heutigen Großkommune zu fördern.

Heute hat Deggendorf – dank vereinter Kräfte – freilich noch mehr zu bieten. Eine florierende Hochschule und zahlreiche Betriebe bieten der Jugend eine adäquate und heimatnahe Ausbildung und mit mittlerweile 139 Haltestellen des Anruf-Sammel-Taxis ist das gesamte Stadtgebiet bis zum„Nest“ hinauf bestens erschlossen. „Das sind tolle Sachen, die es ohne Stadtanschluss sicher nicht gegeben hätte“, folgert Dr. Schneider.

Vor gut 50 Jahren war die heraufziehende Gebietsreform Gegenstand hitziger Diskussionen. Das Landratsamt wollte sie: Es gab so viele kleine und kleinste Gemeinden, die oftmals personell und fachlich an ihre Grenzen gestoßen waren. Die bis dahin eigenständigen Gemeinden mit ihren „Dorfbürgermeistern, die jeden Bewohner persönlich kannten“, jedoch fürchteten „Anonymität“. Die „Verbindung von Gäu und Wald sowie Stadt und Umland hätte richtiger nicht sein können“, stellt der Stadtarchivar, der seit einem halben Jahr in der Donaustadt wohnt, mit Blick auf das Deggendorf von 2022 fest: Trennlinien sind verschwunden, das Gemeinsame ist in den Vordergrund getreten. Als Einheit bieten Deggendorf und sein Umland den Menschen hier eine lebens- und vor allem: eine liebenswerte Heimat. − cat
   

Heute Festvortrag

Zum Jubiläum „50 Jahre Große Kreisstadt Deggendorf“ laden heute um 19 Uhr Oberbürgermeister Dr. Christian Moser und das Stadtarchiv zum Festvortrag ins Alte Rathaus ein. „Was uns verbindet, was uns trennt“ hat Dr. Florian Schneider seine Präsentation überschrieben, in der er „bildhaft das Werden unserer heutigen Heimat an der Donau“ zeichnet. Es wird um Anmeldung gebeten unter 0991/2960-582 im Stadtarchiv oder E-Mail an archiv@deggendorf.de.