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Erfolgsgeschichte fordert Tribut

Roland Beier war als Jurist im Landratsamt ein Mann der ersten Stunde der Gebietsreform – Er blickt zurück

Das Berchtesgadener Land ist schön am Morgen und im Norden: im Bild die Stadt Laufen mit der markanten Schleife der Salzach und der Stiftskirche, die als die älteste gotische Hallenkirche Bayerns gilt.

Das Berchtesgadener Land ist schön am Morgen und im Norden: im Bild die Stadt Laufen mit der markanten Schleife der Salzach und der Stiftskirche, die als die älteste gotische Hallenkirche Bayerns gilt.

04.07.2022

Berchtesgadener Land. Roland Beier, einst Jurist im Landratsamt, ist ein Mann der ersten Stunde der Gebietsreform. Es habe Gewinner und Verlierer gegeben, sagte der 78-Jährige im Januar im Interview mit der Heimatzeitung anlässlich des Jubiläumsjahrs. Unter Strich gibt es für ihn aber keinen Zweifel: „Die Reform war aber für das gesamte Berchtesgadener Land ein Erfolgsmodell.“


Warum aber kam es zu so einer weitreichenden Reform?

Aus dem Rückblick des Juristen: Mitte der 1960er-Jahre wurden in der Bundesrepublik die Bestrebungen konkret, größere Verwaltungseinheiten auf den kommunalen Ebenen zu schaffen. In Bayern erarbeitete das Staatsministerium des Innern unter dem Titel ,Landkreisgebietsreform‘ verschiedene Entwürfe zur Neugliederung der Landkreise und kreisfreien Städte. Landkreise gab es Erfolgsgeschichte fordert Tribut seinerzeit 143, kreisfreie Städte 48. Ziele waren etwa die Stärkung der kommunalen Selbstverwaltung, die Steigerung ihrer Wirtschaftlichkeit und Effizienz, außerdem wollte man mehr Bürgernähe erreichen. Erreicht werden sollte dies durch die Schaffung größerer Kommunen.

Mindestens 80 000 Einwohner sollte ein Landkreis haben

So sollte die Mindestgröße eines Landkreises 80 000 Einwohner, die einer kreisfreien Stadt 50 000 Einwohner betragen. Angesichts mancher Landkreise und kreisfreier Städte mit damals nicht einmal 20 000 Einwohnern ein hoch gestecktes Ziel. Die bayerischen Landkreise und kreisfreien Städte wurden 1971 und 1972 in zwei Roland Beier war als Jurist im Landratsamt ein Mann der ersten Stunde der Gebietsreform – Er blickt zurück förmlichen Verfahren zu dem Konzept der neuen Kreislandschaft und ihrer Landratsämter angehört, um deren Zustimmung, Ablehnung oder Änderungswünsche zu erhalten und auszuwerten. Die endgültige Regelung sollte dann in einem formellen Landesgesetz erfolgen.

Im äußersten Südosten Oberbayerns mit drei Viertel der Grenze zu Österreich bestanden die beiden Landkreise Laufen mit 40 Gemeinden und 57 000 Einwohnern und Berchtesgaden mit 18 Gemeinden und 40 000 Einwohnern sowie die kreisfreie Stadt Bad Reichenhall mit 17 000 Einwohnern. Berchtesgaden und Laufen waren 1862 im Zuge der damaligen Trennung von Justiz und Verwaltung im Königreich Bayern entstanden. Bad Reichenhall besaß seit jeher das Stadtrecht und hatte 1929 den Status der Kreisfreiheit erhalten. Das staatliche Konzept sah für dieses Gebiet die Bildung eines neuen, wesentlich größeren Kreises vor, und zwar durch die Zusammenlegung des unveränderten Landkreises Berchtesgaden, der unveränderten Stadt Bad Reichenhall und dem größeren Teil des Landkreises Laufen – Freilassing, Laufen und Teisendorf mit ihren Nahbereichen.

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Schön am Mittag und im mittleren Landkreis: im Bild das Industriedenkmal Alte Saline mit Hauptbrunnhaus und Kapelle. Vermutlich wird im Raum Bad Reichenhall schon seit der Bronzezeit Salz gewonnen.
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Und so schön ist der Abend im Süden: im Bild Berchtesgaden mit Blick auf den Watzmann und der beleuchteten Stiftskirche mitten in der Marktgemeinde. − Fotos: RoHa Fotothek/Fürmann

Amtsgericht und Naturschutzakademie als Ausgleich

Tittmoning mit seinem Nahbereich sollte dem Landkreis Altötting, der Raum Waginger See dem Landkreis Traunstein zugeschlagen werden. Im Verlauf der Anhörungen wurden noch verschiedene kleinere Änderungen vorgenommen. Letztlich blieb es aber dabei, dass die drei Körperschaften zusammengelegt werden sollten, also Berchtesgaden und Bad Reichenhall ungeschmälert, Laufen aber nur zum größeren Teil, also ohne die Räume Waginger See und Tittmoning.

Gewinner, so sagt Roland Beier heute, war der Landkreis Berchtesgaden. Sein Gebiet ging ohne Abstriche indem neuen Landkreis auf. Lediglich das Landratsamt in Berchtesgaden wurde offiziell aufgelöst und nach Bad Reichenhall verlegt. Aber auch Reichenhall konnte zufrieden sein. Es verlor zwar den Status einer kreisfreien Stadt, erhielt aber den neu geschaffenen Status einer sogenannten Großen Kreisstadt und wurde Sitz des Landratsamtes.

Großer Verlierer war hingegen aus Sicht Beiers der Landkreis Laufen. Das Gebiet wurde auf die Landkreise Berchtesgadener Land, Traunstein und Altötting aufgeteilt. Der Name Laufen tauchte im Verzeichnis der bayerischen Landkreise nun nicht mehr auf. Laufen selbst war nicht mehr Kreisstadt und -mittelpunkt.

Immerhin wurde die Stadt in der Folgezeit zum Sitz des zentralen Amtsgerichts für den gesamten Landkreis und zum Sitz der Bayerischen Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege.

Herkunft der Schüler des Rottmayr-Gymnasiums spiegeln den Rupertiwinkel

Auch Standort für das Rottmayr-Gymnasium zu sein, gilt in der Bevölkerung als Ausgleich für den Verlust an Bedeutung. Schüler kommen so aus den früheren Gemeinden Laufens wie Fridolfing und Kirchanschöring. − kp/rb
  

Die Sache mit den Autokennzeichen

Wenn Einheimische spotten: Zwischen Gebirgsdepp und Waschmittel

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Heute gibt es wieder vier Kennzeichen, doch die Mehrheit bekennt sich zum Berchtesgadener Land. − Foto: Sabine Zehringer

Berchtesgadener Land. Noch leidenschaftlicher als um den Namen des neuen Landkreises wurde um das Kfz-Kennzeichen gerungen, dessen Buchstaben bis dahin nur auf den Sitz der Kreisverwaltung hinweisen durften.

Bis zur endgültigen Entscheidung durch das Bundesverkehrsministerium wurden demnach vorläufige Kennzeichen zugeteilt, die sich nach dem Sitz des Landratsamtes richten sollten. Das wäre ‘REI’ gewesen. Nachdem es jedoch dort noch kein zentrales Amt gab, sondern getrennte Zulassungsstellen in Berchtesgaden, Laufen und Bad Reichenhall, ordnete der damalige Landrat Rudolf Müller an, für Neuzulassungen weiterhin die bisherigen Schilder auszugeben, also BGD, LF und REI.

In der Folgezeit gab es im Kreistag und in der Bevölkerung erbitterte Debatten auf nicht immer sachlichem Niveau. So wurde beispielsweise REI mit einem bekannten Waschmittel und BGD mit ,Bagdad‘ oder ,bayerische Gebirgsdeppen‘ interpretiert. Eine Abordnung aus dem Berchtesgadener Raum reiste sogar eigens nach Bonn, um für BGD zu demonstrieren.

Die Interimsregelung erwies sich als erstaunlich langlebig, bis 1978 nach langen, bundesweiten Verhandlungen das Bundesverkehrsministerium auch gebietsbezogene Kennzeichen für zulässig erachtete.

Noch einmal wurden im Kreistag gedankliche und rhetorische Höchstleistungen erbracht, um für das von oben neu ersonnene BGL oder das althergebrachte BGD zu entscheiden. Schließlich ergab sich doch eine verhältnismäßig klare Mehrheit von 33 zu 19 Stimmen für BGL, das prompt als ‘Bergisch Gladbach’ gedeutet wurde.

Die im Verkehr befindlichen alten Schilder genossen übrigens Bestandsschutz, weiß Beier. Viele Jahre kursierten daher bereits damals vier verschiedene Kennzeichen im neuen Landkreis. Die leise Hoffnung, dass ein einheitliches Kfz-Kennzeichen auch einen kleinen Beitrag zur Integration leiste oder ein gemeinsames Kreisbewusstsein fördere, erfüllte sich übrigens nicht. Vielmehr beschäftigte der Verlust der alten Kennzeichen immer wieder die Gemüter. Und als 40 Jahre nach Inkrafttreten der Kreisgebietsreform das Bundesverkehrsministerium– warum auch immer – die Wiedereinführung der ausgelaufenen Kennzeichen zuließ, war die Nachfrage nicht nur bei den Älteren, sondern auch bei den Jüngeren groß. Somit gibt es heute wieder vier verschiedene Kennzeichen. Roland Beier